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Golfregeln

Ich golfe nur zum Vergnügen. Der Sinn des Spieles besteht für mich darin, den Ball vom Abschlag mit möglichst wenigen Schlägen ins Loch zu bringen und zwischendurch möglichst viel Spaß zu haben.

Ich weiß, es gibt welche, die wollen während der Runde Geschäfte machen; es gibt welche, für die der Sinn des Spieles darin besteht, das Handicap zu verbessern; und es gibt welche, deren Ziel es ist, auf irgendeinem kleinen Foto in irgendeiner kleinen Golfzeitung zu sehen zu sein.

Und es gibt welche wie meinen Golffreund Gottfried. Gottfried ist Jurist, ein ehemaliger Richter. Er glaubt insgeheim, dass damals auf dem Berg Sinai nicht nur die Zehn Gebote übergeben wurden, sondern der liebe Gott in weiser Voraussicht auch gleich die Golfregeln übergeben hat, um deren Unantastbarkeit Nachdruck zu verleihen. Deswegen grenzt es für Gottfried nahezu an Blasphemie, wenn gegen die Golf-Regeln verstoßen wird. Für ihn besteht der Sinn des Spiels darin, das Regelwerk zu kennen und einzuhalten.

Ich gebe zu, ich habe in den Anfängen meines Golferdaseins alles ein wenig  lax gesehen, bis ich eines Tages auf Gottfried gestoßen bin und von ihm eine Lektion gelernt habe.

Ich war schon ein wenig fortgeschritten, als ich mich in das erste Anfängerturnier traute. Man hatte einen erfahrenen Golfer damit betraut, mich zu betreuen. Ein stattlicher, älterer Herr, vielleicht Mitte 70, grauhaarig, fast majestätisch. Er kam offen und freundlich auf mich zu, gab mir die Hand und sagte: „Ich bin Gottfried; ich bin ihr Zähler!“

Ich war verschüchtert und traute mich nicht, ihm das „Du“ anzubieten, nicht mal das Tagesdu! Die anderen Greenhorns hatten mir vor der Runde gesteckt, bei meinem Partner handele es sich um einen ehemaligen Richter.

Ich erinnere mich noch genau an jenen schönen, sonnigen Sommertag, wie geschaffen für gelungenes Golf. Ich wollte mein Handicap verbessern. Es war hoch und eine Verbesserung dringend geboten. Der Richter nahm mich freundlich unter seine Fittiche, gab mir Tipps, ermunterte mich bei Fehlschlägen und mahnte die Einhaltung der Etikette an. Bis zur Bahn Fünf ging alles glatt.

Ich hatte geschätzte zehn Netto- Punkte gesammelt und sah den nächsten Bahnen mit freudiger Erwartung entgegen. Dann passierte es auf der sechsten Bahn: Ich hatte meinen Ball auf das Grün platziert, war als erster mit dem Putten dran und schob die weiße Kugel in Richtung Fahne, unglücklicherweise vorbei.

„Das sind leider zwei Strafschläge“, kommentierte mein Richter gnadenlos.

„Warum denn das?“ fragte ich, des Regelwerkes noch nicht ganz mächtig, „weil ich das Loch nicht getroffen habe?“

„Nein, Sie haben die Fahne nicht aus dem Loch genommen.“

Ich haderte mit meinem Schicksal und versuchte es mit einer Notlüge: „Habe ich nicht gewusst, dass man dafür bestraft wird!“

„Die Regeln sollte man schon kennen“, beharrte mein Meister und fuhr fort: „Dafür bin ich ja da, damit Sie alles lernen!“

Ich modifizierte meine Argumentation: „Na ja, eigentlich kenne ich die Regel schon, aber ich habe einfach nicht dran gedacht.“

„Das hilft Ihnen auch nicht weiter!“

„Können Sie nicht mal Gnade vor Recht ergehen lassen!“ bettelte ich und heuchelte Reue.

„Das liegt leider nicht in meiner Hand. Und das Regelwerk kennt keine Gnade!“

Er setzte einen strengen Blick auf und fuhr fort: „Sehen Sie, es gibt manchmal strittige Situationen, in denen die Spieler nach gesundem Menschenverstand so entscheiden sollten, dass das Spiel nicht verfälscht wird. Aber hier ist das leider ein eindeutiger Regelverstoß!“

Nun gut, das mit dem Regelverstoß ließ sich nicht leugnen. Also unternahm ich einen letzten Versuch, meinen Scharfrichter gnädig zu stimmen: „Was ist, wenn man mildernde Umstände geltend machen kann?“

„Was denn für mildernde Umstände??“

„Dass ich vorhin zum Mutmachen drei Glas Sekt in mich hinein geschüttet habe und angetrunken bin.“

„Wenn wir Trunkenheit am Schläger als mildernden Umstand gelten lassen würden, kämen wir bald ganz ohne Strafschläge aus!“

Das leuchtete mir ein, und ich versuchte es auf anderem Wege:

„Was wäre, wenn ich auf meine schwierige Jugend verweisen würde!“

„Die hatten wir alle!“

„Wenn ich einen Migrationshintergrund vorzuweisen hätte?“

„Im Gerichtssaal kämen sie damit durch, hier nicht!!“

Inzwischen hatten wir einen Flight durchspielen lassen, der keine Neigung zeigte, sich an unserer Regeldiskussion zu beteiligen.

„Sehen sie“, sagte mein freundlich unbeugsamer Mitspieler, „der Sinn des Regelwerkes ist es, Recht und Ordnung zu schaffen. Alle werden gleich behandelt, und es gibt keine mildernden Umstände und keine Bewährung. Schauen Sie sich das richtige Leben an, wohin das alles geführt hat! Wir haben das Rechtsbewusstsein ausgehöhlt und was noch schlimmer ist, wir haben das Unrechtsbewusstsein ausgehöhlt. Wenn man einen betrunken totschlägt, ist das nicht so schlimm, als wenn man einen nüchtern totschlagen würde. Und wenn man dann auch noch eine schlimme Jugend und Migrationshintergrund nachweisen könnte…“

Er sprach nicht weiter, weil man sich den Rest ohnehin denken konnte.

„Sehen Sie,“ sagte er freundlich und bestimmt, „ich liebe das Golfspiel unter anderem deswegen, weil es so eine feste und unerschütterliche Ordnung hat!“

Ich gebe zu, ich hatte auf Nachsicht gehofft und zog mit leichter Verbitterung zum nächsten Loch. Prompt legte meine Konzentration eine Ruhepause ein, und ich hieb die Kugel irgendwo hinten ins Gebüsch.

Wutentbrannt wollte ich mich auf den Weg machen, als mein Lehrmeister mahnte:

„Spielen Sie für alle Fälle einen provisorischen Ball!“

Natürlich kam der zweite einigermaßen ins Ziel und natürlich fanden wir den ersten nicht mehr. Wieder ein Strafschlag.

Zwei Bahnen später: Mein Ball war nach dem Schlag bedenklich in die Nähe der weißen Pfähle gerollt.

Wir stapften schweigsam auf die Seitenbegrenzung zu. Der oberste Richter schaute sich nüchtern den Sachverhalt an und stellte emotionslos fest: „Der Ball ist einwandfrei im Aus!“

Das sah ich selber, aber es waren doch nur zwanzig Zentimeter. Höchstens. Trotzdem war das Urteil erbarmungslos: „Tut mir Leid, ein Strafschlag!“

Am letzten Loch sammelte ich noch zwei weitere Strafschläge ein, weil ich meinen Schläger im Bunker aufgesetzt hatte – ich nahm die Sanktion gelassen hin. Ich hatte meine Lektion gelernt. Ich bettelte nicht um Gnade, ich bejammerte nicht meine Vergesslichkeit und ersparte mir und meinem Meister die Schwäche, verhandeln zu wollen. Mannhaft und ohne Groll nahm ich die zwei Strafschläge in Kauf.

Am Ende war es wieder nix geworden mit einer Verbesserung meines Scores, aber die Punkte, die ich erworben hatte, waren ehrlich verdient und machten mich stolz.

Seit jener Runde mit dem Richter a. D. bin ich ein überzeugter Anhänger des Regelwerkes. Gottfried und ich sind längst gut befreundet und duzen uns. Aber trotzdem drückt er kein Auge zu, wenn wir miteinander spielen…