Gesellschaftssatire

Michel schlägt zurück

5,0 von 5 Sternen Lesevergnügen

Eine blenden de Idee, das Spektrum unserer gesellschaftlichen Missstände in einen Kriminalroman zu packen, damit spannend und humorvoll abzuhandeln und dabei das erschreckende Bild unserer ‚demokratischen‘ Meinungsfreiheit aufzuzeigen. Am Ende erhebt sich die Handlung in die kurze Illusion, der Einzelne könnte selbst etwas bewirken, um dann wieder am Boden der Tatsachen zu landen und darin Trost zu suchen, dass es den Generationen vor uns auch nicht anders ergangen ist.
Das Werk kann ich nur weiterempfehlen, denn diese bewusstmachende Spiegelung unserer Gesellschaft hat durchaus Seltenheitswert und verdient sich eine breite Leserschaft.

Leseprobe : 

Aus : „Ruin des Bildungssystems“

„Zudem wurden ständig neue Organisationsformen im Schulleben eingeführt, bei denen keiner mehr wusste, was diese eigentlich wollten. Neben die verlässliche Grundschule, die volle Halbtagsschule und die kooperative Gesamtschule traten das kooperative Gymnasium mit Turbozweig, die unzuverlässige Förderstufe mit Ganztagsbetreuung, die ganze Realschule und die ganz kaputte Hauptschule mit Hausaufgabenbetreuung. Die auf diese Weise eingetretene Begriffsverwirrung rief bei den Eltern Orientierungslosigkeit hervor, hatte aber auch ungeahnte und gewollte Vorteile. Kein Mensch blickte mehr richtig durch und die schwerwiegenden Mängel des Systems wurden durch den organisatorischen Wirrwarr verschleiert. Die Anzahl der Schüler in den Klassen wurde immer höher, die Lehrer wurden immer älter, die bürokratische Erbsenzählerei erreichte gigantische Formen. Der Verwaltungsapparat des Bildungswesens, der im Wesentlichen dazu diente, Parteifunktionären höher dotierte Posten zur Verfügung zu stellen, wurde weiter aufgebläht. Statt diese frischen Kräfte, die sich jahrelang in der Etappe hatten ausruhen dürfen, der einbrechenden Schulfront zuzuführen, wurde neue funktionslose und teure Bürokratieverwalter geschaffen. Und da diese Leute eine Bestätigung für die Notwendigkeit ihres Tuns brauchten, erschwerten sie mit kleinkarierten Albernheiten den ohnehin leidgeprüften Lehrern vor Ort das Leben……

In den Hauptschulen war der normale Unterricht inzwischen ganz eingestellt worden. Die Behandlung der Schüler hatten Sozialarbeiter und Diplompsychologen übernommen. Projektwochen mit Themen wie: „Ethnisches Stricken“ oder „Wie bastele ich mir ein Kondom“ bestimmten den Schulalltag. Der wesentliche Teil des Vormittags bestand aus Konfliktberatung. Warming- ups, szenische Spiele und der Aufbau von Schülergruppen zu Standbildern schufen eine entspannte und freundliche Atmosphäre. Zwar waren die armen Kids am Ende ihrer Laufbahn komplette Idioten, aber sie waren spontan und ausgeglichen. Sie fanden keine Arbeit, weil sie weder lesen noch schreiben noch rechnen konnten, aber sie reagierten in Konfliktsituationen überaus besonnen.